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Mittwoch, 15. Dezember 2010

VIVENZA CD AUF DRAG & DROP


Die Labelnummer DDI 3332 aus dem Jahre 1995 war und ist etwas ganz Besonderes im Katalog des Drag & Drop-Labels: Eine Veröffentlichung des Franzosen Jean-Marc Vivenza, ein Mann, für den der Begriff „Legende“ durchaus angebracht ist:

Aktiv seit den frühen 80er Jahren ist er in seiner Bedeutung für die Industrialmusik sicher in einer Liga zu sehen mit Acts wie Esplendor Geometrico, Etant Donnes oder Le Syndicat. Dabei steht er mit seinen stringent schwarz-weiß-roten Coverdesigns und seiner konsequent „bruitistischen“, also maschinell-puristischen Klangkunst für einen unverwechselbaren eigenen Stil.

Die CD „Fondements Bruitiste“ enthält neben den zwei Stücken der gleichnamigen Single von 1984 noch die vier Stücke des 1985er-Tapes „Essentialité Métallique“ und einen Exklusivtrack (den es zuvor nur in abgewandelter Form auf einem unbeschaffbaren Tape-Sampler gegeben hatte).

Unbarmherzig bohrt sich die Monotonie industriellen Schaffens in die Gehörgänge, bar jeder Musikalität im eigentlichen Sinne entsteht eine faszinierende Rhythmik und treibende, stringente Struktur des Lärms, der sich schließlich aufzulösen scheint in eine entmenschlichte, unangenehm komfortable akustische Kulisse. Advanced Listening, aber überaus lohnenswert, ich oute mich hiermit offiziell als Fan.

Ein Posting über Vivenza wäre wohl kaum komplett ohne den Hinweis auf die dunkle, bzw. in diesem Falle braune Seite dieses Herrn: Denn tatsächlich scheint er in den 90ern mit seinem zweiten Standbein, der Philosophie, am rechten Rande auffällig geworden zu sein. In bester Tradition des Futurismus huldigte er in diversen Pamphleten einer technokratischen, allein dem Fortschritt verschriebenen Gesellschaft und der Abkehr von den aufklärerischen Prinzipien der Menschenrechte und geriet somit in die Zirkel der intellektuellen Nouvelle Droite.

Da sich Vivenzas schriftstellerisches Wirken rein auf den französischen Raum beschränkt, war uns damals von alledem schlichtweg nichts bekannt, und genaue Informationen über den Inhalt seiner Schriften sind eigentlich bis heute nicht aufzutreiben – damals, prä-Internet, schon mal gar nicht. Ob die CD dennoch erschienen wäre, kann ich aber nicht beantworten.

Sicher hätte ich es mir aber sehr gut überlegt, ob ich im Jahre 1995 gemeinsam mit einem Freund ein Konzert von Vivenza ausgerechnet im Autonomen Zentrum (!) organisiert hätte. Im Nachhinein bin ich aber sehr froh, denn der Herr war mitnichten ein Widerling, sondern überaus sympathisch und freundlich, wenn auch äußerlich etwas konservativ- eine Art Ralf Hütter mit Underground-Patina.

Auch für seine Show passt der Vergleich: Eine Art Mischung aus Kraftwerk und Vincent Price als Dr. Phibes – atemberaubend großartig!

Wenn man das Internet durchforstet, findet man Hinweise darauf, dass Vivenza inzwischen sein Wirken vollends in den Bereich der Philosophie verlegt hat – und in seinen Gedankengängen inzwischen ausgerechnet beim Buddhismus angelangt sein soll.

Tatsächlich lässt mich das mit noch weniger Reue darüber freuen, dass das französische Label Rotorelief zur Zeit das tut, was Drag & Drop leider nicht mehr tat: Auch den übrigen Backcatalogue von Vivenza veröffentlichen.


Vivenza - Fondements Bruitiste by atomfan

Kommentare:

  1. Also das nenne ich mal einen fundierten und mit Herzblut geschriebenen Beitrag, der nicht nur äußerst informativ ist, sondern mir persönlich als Verantwortlichen dieser Veröffentlichung eine Menge unbekannter Details offenbart. Nicht nur die politische Positionierung von Vivenza war mir seinerzeit nicht bekannt.

    Die bilderreiche Beschreibung des musikalischen Schaffens, die zutreffende Verbindung zu anderen Kunstformen und die prägnante Auswahl des soundfiles von Vivenza ist Dir sehr gut gelungen.

    Wenn ich mich nur erinnern könnte, warum ich 08. Juni 1996 nicht anwesend sein konnte...

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